LuPe 29: Ich mache mir die Welt, wie sie mir gefällt

Von Gaby Doll 06. Juli 2019

Die deutschen Autohersteller und ihre Zulieferer scheinen sich die Welt gerade schönzureden. Da werden ungehindert aller Abgasdiskussionen weiter Verbrennungsmotoren entwickelt. Da erscheint eine tendenziöse Ifo-Studie, die Elektrofahrzeuge schlechtrechnet. Doch auch wenn die letzten Jahre für die Branche richtig „fett“ waren, die Welt bleibt nicht, wie sie ist. Mobilität verändert sich. Das einzige Problem: Keiner weiß, wie. Wird es im Autoland Deutschland weiter statusträchtige, vielleicht hybridangetriebene Luxusfahrzeuge für die Langstrecke geben? Oder geht es wie in den Metropolen Asiens nutzenorientiert in Richtung elektrisch und autonom fahrender Kleinstmobile? Und dann wäre da noch die Mikromobilität ...

Vor allem die Zulieferer weiter hinten in der Kette laufen Gefahr, im vordergründigen „Weiter so“ den Anschluss zu verlieren, während sich Erstausstatter und große Zulieferer für die Zukunft positionieren. Die Zeit läuft. Die Automotivebranche steckt mitten in einem Transformationsprozess. Die Frage ist nur, ob deutsche und welche deutschen Unternehmen ihn mitgestalten werden oder nicht. 

Zu bewältigen ist der Spagat gleichzeitig Personal abzubauen und neue zu gewinnen.

Diejenigen, die ihre Zukunft in die eigene Hand nehmen, stehen vor der Herausforderung, strategisch zu entscheiden, welche neue Richtung das Unternehmen einschlagen soll. Welche Produkte und Leistungen sichern die künftige Wertschöpfung? Welche Technologien und Kompetenzen werden dafür gebraucht bzw. nicht mehr gebraucht? Wie viele Mitarbeiter werden in den Prozessen noch benötigt, welche nicht mehr und welche gilt es zu rekrutieren? Damit haben Unternehmen Grundlegendes zu bewältigen, unter anderem den Spagat, gleichzeitig Personal abzubauen und neue Mitarbeiter zu gewinnen. Wer in dieser Situation Kündigungen ausspricht, wird sowohl mit Blick auf das deutsche Arbeitsrecht Schwierigkeiten haben, diese durchzusetzen, als auch seine Arbeitgebermarke nachhaltig beschädigen. Denn anders als konjunkturell bedingte Kündigungen treffen strukturell bedingte auf wenig Verständnis in Belegschaft und Gesellschaft. Gangbar ist dagegen die Trennung von oft langjährigen Mitarbeitern über eine einvernehmliche Lösung, z.B. über Aufhebungsverträge. Wichtige Voraussetzung ist dabei, dass Führungskräfte den Betroffenen im Trennungsgespräch mit angemessener Wertschätzung begegnen. Vorbereitende Trainings sind da hilfreich. Professionelle Unterstützung bei der beruflichen Neuorientierung der Betroffenen verbessert zudem das Trennungsklima. Kompetenzen, die im Automotivesektor nur noch wenig Zukunft haben, sind in anderen Branchen durchaus gefragt. 

Bei der Mitarbeitergewinnung stellt sich der Umbruch der Branche als Vorteil heraus. Unternehmen, die sich in eine neue Welt der Mobilität aufmachen, gewinnen an Anziehungskraft. Vor allem junge Mitarbeiter mit zukunftsträchtigen Kompetenzen sehen in der Veränderung hin zu Neuem ein spannendes Feld. Wo sonst können sie so frei denken und handeln, mit ihrer Leistung die Entwicklung eines Unternehmens sinnvoll und spürbar beeinflussen, daran mitwirken, wie die Mobilität von morgen aussieht? 

Es braucht Mut, Bestehendes loszulassen und innovativ nach vorne zu denken. Nur dann, und nicht durch Verleugnung des Wandels, haben Unternehmen überhaupt eine Chance, die Welt so zu machen, wie sie ihnen  gefällt. Einen Versuch wäre es wert.

Autoren: Gaby Doll, Dr. Christoph Dill & Jörg Kraft

#Personalentwicklung #Recruiting #LuPe

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