LuPe 28: Moment Mal

Von Claudia Weyrauther 30. April 2019

Neu ist die Sache nicht. Schon in der Antike wusste der griechische Philosoph Sokrates, dass er nichts mit Sicherheit weiß. Im 21. Jahrhundert ist das für Führungskräfte in Unternehmen kein unbekanntes Gefühl. Sich das einzugestehen, fällt in Organisationen, in denen jahrzehntelang Wissen mit Macht gleichgesetzt wurde, allerdings schwer.

Achtsamkeit wirkt sich positiv auf die Menschen in Unternehmen aus

Dabei ist in einer Welt, in der es keine sicheren Antworten mehr gibt, weil sie sich schnell verändert, unberechenbar, komplex und mehrdeutig ist und daher mit dem Akronym VUCA (Volatility, Uncertainty, Complexity, Ambiguity) bezeichnet wird, mehr noch als Wissen Gespür für die Situation erforderlich. Was dabei hilft, ist Aufmerksamkeit für den Augenblick oder Achtsamkeit. Achtsamkeit bedeutet nach Jon Kabat-Zinn, emeritierter Professor an der University of Massachusetts Medical School, dass man respektvoll fokussiert im Moment ist, ohne zu be- oder entwerten. Es ist ein absichtsloses Innehalten und Gewahrwerden des eigenen Erlebens, all dessen, was rundum geschieht.

Durch Achtsamkeit entstehen innere Räume für Gefühle und Gedanken

Durch Achtsamkeit entstehen innere Räume für bislang nicht zugelassene Gefühle und Gedanken, die Zahl der wahrgenommenen Möglichkeiten erweitert sich, was eventuell wiederum zu bedürfnisangemesseneren, nachhaltigeren Entscheidungen führt. Menschen, die achtsam sind, können daher schneller und flexibler mit immer wieder neuen Anforderungen umgehen. Die Einsicht, nicht alles zu wissen, verbunden mit der daraus erwachsenden Offenheit für den Moment, wird so zum Erfolgsfaktor, auch für Unternehmen.

Achtsamkeit wirkt sich positiv auf die Menschen in Unternehmen aus. Sie schafft Freiraum zum Denken und Handeln, stärkt auf individueller Ebene sowohl das Gefühl der Selbstwirksamkeit als auch die Resilienz, das heißt die psychische Widerstandsfähigkeit bzw. Krisenfestigkeit. Achtsamkeit ist im Unternehmen jedoch nicht einfach verfügbar. Sie kann sich als Haltung erst entfalten, wenn Führungskräfte sie vorleben und ihre Mitarbeiter durch achtsames Führen ebenfalls dazu ermächtigen. Eine der zentralen, dafür notwendigen Führungskompetenzen, die vordergründig einfach erscheinen, aber de facto herausfordernd sind, ist das aktive, achtsame Zuhören, bei dem es um den Versuch geht, sein Gegenüber wirklich zu verstehen. Führungskräfte, denen das gelingt, können auf Gefolgschaft zählen – auf Mitarbeiter, die motiviert und zufrieden sind, die ihre Potentiale abrufen und durch deren wachsende Veränderungs- und Verantwortungsbereitschaft das Unternehmen an Agilität gewinnt.

Stellt sich die Frage, ob sich das Konzept der Achtsamkeit über den intrapersonellen bzw. interpersonellen Bereich hinaus auf das Unternehmen als Ganzes übertragen lässt. Es würde bedeuten, dass sich Unternehmen bzw. seine Gestalter vor Entscheidungen einen Moment oder, besser noch, grundsätzlich Zeit nehmen, um sich in ihrem Umfeld wahrzunehmen, so wie es heute schon bei Echtzeitmarktanalysen geschieht. Dass sie daraus im zweiten Schritt und im Bewusstsein aller Rahmenbedingungen – des Marktes, des Wettbewerbes, der Technologie, der Umwelt und der Gesellschaft – taktische und strategische Maßnahmen ableiten und z. B. ihre Wertschöpfungsketten, ihre Produkte, ihren Umgang mit den Mitarbeitern entsprechend gestalten. Dass sie mutig nach einem Weg suchen, der Wirtschaftlichkeit ermöglicht, ohne ökologische oder soziale Grenzen zu überschreiten.

Autoren: Claudia Weyrauther, Felix Pliester und Andreas Schrenk

#New Work #LuPe

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