LuPe 29: "Jede Form der Ökonomie der Zukunft muss auf dem Gedanken der Nachhaltigkeit basieren."

Von Liebich & Partner 12. September 2019

Klimawandel, Ressourcen, Biodiversitätsprobleme, Welternährung: Auf die Weltgesellschaft kommen wissenschaftlich belegt große Probleme zu. Ein Gespräch mit Prof. Dr. Stephan Rammler, Zukunftsforscher mit den Schwerpunkten Mobilität und Energie, über verpasste Chancen, Machtpolitik und Nachhaltigkeit.

LuPe: Herr Professor Rammler, Karl Valentin meinte einst: Die Zukunft war früher auch besser. Hatte er recht?

Dr. Stephan Rammler: Tatsächlich ist die Zukunft heute nicht mehr, was sie mal war. Mit der Problemkomplexität und -dringlichkeit ist aber auch die Problemlösungsfähigkeit der Gesellschaft gestiegen, sodass die Relation gewahrt bleibt. Mit Blick auf die Megatrends und ökologischen Tragfähigkeitsgrenzen dieser Erde bin ich dennoch geneigt zu sagen, eine solche Dimension von Problemen, Synergien, Zuspitzungen hatten wir in der Menschheitsgeschichte noch nicht. Das hat zum einen mit mächtigen Technologien wie der Digitalisierung zu tun, zum anderen mit mächtigen Instrumenten, die weitgehende Eingriffe in den biologischen Organismus zulassen. Das sind Dinge, die die Conditio humana in einer Art und Weise in Frage stellen, wie wir es bislang nicht kannten. 

Ein aktuell zentrales Thema ist die Nachhaltigkeit.

Der Begriff kann nicht genug Konjunktur haben. Durch den Eingriff in die Ökosysteme gefährden wir unsere eigene Lebensgrundlage. Wissenschaftler sprechen vom Zeitalter des Anthropozän, in dem die Menschen, die die Probleme erzeugt haben, vor der Herausforderung stehen, die Folgen ihres eigenen Handelns in den Griff zu bekommen. Das ist der Kerngedanke der Nachhaltigkeit, bei der es um Umwelt ebenso wie um soziale Gerechtigkeit, zivilisatorische Grundstandards und die Frage des menschenwürdigen Lebens geht. Jede Form der Ökonomie der Zukunft muss auf dem Gedanken der Nachhaltigkeit basieren, sonst wird sie keine erfolgreiche sein. Nachhaltigkeit sollte als Zukunftsfähigkeitsapriori Prämisse jeglichen menschlichen Handelns werden.

Warum wird Nachhaltigkeit erst jetzt diskutiert?

Wichtigkeit und Dringlichkeit sind lange bekannt. Hätte die Politik in den letzten 30 Jahren die Weichen gestellt, könnten wir heute in der Mobilität, der Energieversorgung, der urbanen Lebensqualität schnell umsteuern. Jetzt intensiviert sich die Debatte, weil auch dem Letzten in seiner Alltagserfahrung die Probleme deutlich werden. Verstärkend wirkt die Fridays-for-Future-Bewegung. Sie versucht, „Klimascham“ zu erzeugen, dafür, dass wir unser Verhalten trotz individuellem Handlungsspielraum nicht ändern. Wir Zukunftsforscher sind froh, dass endlich eine größere Menge von Menschen begreift, so geht es nicht weiter, wir müssen etwas grundsätzlich Neues schaffen und das wird schwierig. 

Ob Technologien oder Klima: Deutschland scheint sich besonders schwer mit dem Wandel zu tun.

Deutschland hat vor einigen Jahren eine sehr konstruktive und 2015 bei der Klimazielvereinbarung in Paris maßgebende Rolle gespielt, danach allerdings massiv nachgelassen. Das hat in meinen Augen stark mit den innerkoalitionären Konflikten zu tun. Sachpolitik wird heute oft genug für den Machterhalt instrumentalisiert. Wir brauchen Politiker, die den Mut haben zu sagen: Wir haben Probleme, bestimmte Instrumente und die Pflicht, auch gegen Widerstände Ziele zu adressieren und umzusetzen. Deswegen gibt es die staatliche Exekutive. Ich wüsste nicht, was daran falsch sein sollte, dass die Politik ihren Primat wahrnimmt und Mittel und Wege sucht, diese Gesellschaft in eine nachhaltige Zukunft zu führen.

Prof. Dr. Stephan Rammler hat Politikwissenschaften, Soziologie und Ökonomie studiert und lehrt an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Er ist Gründer des Instituts für Transportation Design (ITD) und wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Zukunftsstudien und Technologiebewertung (IZT).

Aktuelle Bücher: Volk ohne Wagen, 2017. Der blinde Fleck der Digitalisierung, 2018. 

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