Menschlich sein kann ich nicht digitalisieren

Menschlich sein kann ich nicht digitalisieren

Die einen zögern noch, andere sind in einem regelrechten Digitalisierungsrausch. So oder so, momentan bestimmt die Technik unser Denken.  Hmm …, und wo bleibt eigentlich der Mensch? Ein Gespräch über Gesellschaft, Gier, Kundennutzen, Vertrauen und den Sinn des Lebens mit Dr. Christoph Dill und Christoph Siegel.

 

Frage: Die Welt wird digitaler. Verliert oder gewinnt sie dadurch an Menschlichkeit?

Christoph Siegel: Sowohl als auch. Im wirtschaftlichen Umfeld wird Zwischenmenschlichkeit, also menschliche Interaktion, zurückgehen. Ob man das als Vorteil oder Nachteil sieht, hängt vom Einzelnen ab. In einigen Bereichen gibt es allerdings Dinge, die könnte man genauso gut online machen, aber da fehlt den Kunden noch das Vertrauen.

Christoph Dill: Aus meiner Sicht ist das ein Phänomen des Übergangs. Menschliche Interaktion bedeutet nicht zwangsläufig Menschlichkeit. Manches lässt sich zum Vorteil digitalisieren. Gefährlich wird es in der medialen Beziehung zwischen Menschen. Man kann beobachten, wie durch die Distanz des Mediums Anstand, Mitgefühl und Menschlichkeit verloren gehen. Kein Fehler der Technik, sondern unseres Umgang mit ihr.

Christoph Siegel: Aber es kommt noch mehr auf uns zu: Durch die Vernetzung von Maschinen und den Einsatz intelligenter Robotik rationalisieren wir gut. Viele Mitarbeiter werden künftig obsolet sein. Wie sieht das System morgen aus, um diese Menschen, wenn schon nicht mit Lohn, zumindest mit Brot zu versorgen und ihrem Leben darüber hinaus Inhalt und Sinn zu geben? Stichwort Grundeinkommen: Reicht Geld fürs „Nichtstun“? Notwendig sind auch die Teilhabe an einer Gemeinschaft und das Gefühl, gebraucht zu werden.

Christoph Dill: Aktuell folgen wir dem Konstrukt „Du verdienst Geld für deine Arbeit“.  Wir stehen aber an dem Punkt, wo technische Automatismen mehr Wertschöpfung erzielen als menschliche Arbeit. Parallel gibt es Bereiche, in denen es Menschlichkeit braucht, die wir nicht bezahlen oder nicht bezahlen können. Beispiele sind die Pflege oder vieles, was heute Vereine leisten. Hier zu automatisieren, wäre unsinnig. Menschlich sein kann ich nicht digitalisieren. Daraus ergibt sich eine Chance. Das künftige Konstrukt könnte lauten: „Du verdienst Geld und arbeitest, wo man Menschlichkeit braucht.“ Das erfordert aber Ideen für einen Sozialbeitrag wertschöpfender Maschinen.

Christoph Siegel: Gute Idee. Ob die 45 Superreichen ebenso denken, die laut Erhebung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung so viel Vermögen besitzen wie die ärmere Hälfte der deutschen Bevölkerung? Die sind wohl eher, wie andere auch, ohne gesellschaftliche Rücksichten auf Gewinnmaximierung ausgerichtet. Die Digitalisierung ist aus Unternehmenssicht sensationell gut, aber ein Brandbeschleuniger für soziale Ungleichheit. Nicht falsch verstehen, ich bin ein Befürworter der Digitalisierung. Aber was tun wir unserer Gesellschaft an, wenn wir so weitermachen?

Christoph Dill: Leider ist vielen Unternehmen das Gefühl für den gesellschaftlichen Auftrag abhanden-gekommen. Globalisierung und Shareholder-Value sind Alleinzweck geworden. Diese kalte Seite des Neoliberalismus der letzten Jahre schädigt aus meiner Sicht die Gesellschaft. Wir müssen umdenken, auf unternehmerischer ebenso wie auf politischer Ebene.

 

Frage: Ist Digitalisierung gleich Digitalisierung?

Christoph Dill: Ich sehe zwei Richtungen. Die eine heißt: Wir machen das, was wir machen, möglichst effizient. Digitalisierung ist dann Mittel zum Zweck. Die Automatisierung ist aus Wettbewerbsgründen notwendig, kostet jedoch Arbeitsplätze. Das Problem dabei, sie verhindert zwar, dass Unternehmen sterben, bedeutet aber nicht, dass sie Zukunft gewinnen. Im Grund bleibt alles, wie es ist, nur eben mit mehr Maschinen und weniger Menschen. Die andere Richtung heißt: Digitalisierung wird zum Teil meiner Leistung. Ich entwickle ein Geschäftsmodell, das noch mehr und individuelleren Nutzen für meinen Kunden stiftet. Problem hier, das Unternehmen muss sich umstellen, nötig ist z. B. eine neue Art der Kundenbindung. Dafür erziele ich eine Wertsteigerung der Leistung und generiere einen neuen Markt.

Christoph Siegel: Dazu fehlt leider oft der Wille. Beispiel Autoindustrie. Sie könnte längst E-Mobilität bieten und in Verbindung damit an neuen Mobilitätskonzepten arbeiten. Sie macht es aber nicht aus wirtschaftlichen Gründen. Getätigte Investitionen sollen sich weiter auszahlen.

Christoph Dill: Stimmt, man will die Alternative nicht denken. Solange man nicht muss, wird die „heilige Kuh“ nicht geschlachtet.

 

Frage: Zu welcher Digitalisierungsrichtung tendiert die deutsche Wirtschaft?

Christoph Dill: Eher zur ersten, in Richtung Effizienzorientierung. Ideen für neue Geschäftsmodelle gibt es noch wenige. Wenn sich nichts ändert, werden wir im Wettbewerb verlieren, weil nur effizient nicht mehr reicht.

Christoph Siegel: Aus unternehmerischer Sicht ist Effizienz sehr verlockend. Konsequent in die Zukunft gedacht, erscheint es aber eintönig und nur wenige werden partizipieren. Blick zurück und nach vorn: Statt vielfältigen und lebendigen Handelsmetropolen wie es einst Venedig oder Augsburg waren, könnte es bald nur noch zwei oder drei Global Player geben, sagen wir Google und Amazon. Die bieten dann Einheitsbrei, der – jetzt mal schwarzgemalt – am Menschen vorbei und ohne Menschen produziert wird. Im Grunde sägen die Unternehmen gerade an dem Ast, auf dem sie sitzen.

Christoph Dill: Die deutsche Wirtschaft ist stark darin, effizient hohe Qualität zu produzieren. Überall, wo es wie bei der zweiten Digitalisierungsrichtung unscharf wird, wenn es auf Menschen, auf Kreativität, auf Services ankommt, herrscht Lernbedarf. Wir vertrauen lieber der Technik als dem Menschen. Typisches Beispiel ist die Lkw-Maut: ein einfaches Problem, für das wir mit trackenden Kontrollbrücken eine hochtechnisierte Lösung entwickeln. Oder nehmen wir das Thema Home-Office …

Christoph Siegel: … die Vertrauensarbeitszeit oder das Car-Sharing etc. Dieses Verhalten ist aber auch kulturbedingt. Wir sind anders sozialisiert als z. B. die Skandinavier, denen das leichter fällt und die uns diesbezüglich voraus sind.

Christoph Dill: Uns hemmt, dass wir immer von Leistungsdaten getrieben sind. Selbst im Dienstleistungsbereich. Wir zahlen für drei Stunden Putzen und nicht dafür, dass es sauber ist. Daher wollen Unternehmen lieber Sachgut als Dienstleistung verkaufen. Doch das Sachgut allein funktioniert in der digitalisierten Welt nicht mehr. Natürlich wird es weiter Hardware geben, aber Services und digitale Services kommen obendrauf. Mit ihnen verdient man künftig Geld. Wer nur die Produktion digitalisiert und nicht auch die Anwendung, schafft null Wertschöpfung für die Gemeinschaft.

Christoph Siegel: Da bin ich dabei. Und wenn Unternehmen das verschlafen, ist der Wettbewerb im globalen Markt nicht weit.

 

Frage: Was brauchen Unternehmen für diesen Weg der Digitalisierung?

Christoph Siegel: Menschen und Vertrauen in Menschen. Das Rad dreht sich schneller. Die Geschwindigkeit erfordert eine andere Kultur und Führung in Unternehmen. Führungskräfte müssen den Ideen und der Arbeit ihrer Teams vertrauen. Mitarbeiter müssen Verantwortung übernehmen. Kunden müssen früher in die Entwicklung einbezogen werden.

Christoph Dill: Was bedeutet, dass man schon mit einem unfertigen Produkt an den Kunden bzw. in den Markt geht, um echtes Feedback zu erhalten. Bevor Missverständnisse aufkommen: Unfertig heißt nicht, dass das Produkt nicht funktioniert. Es ist vielmehr auf seine Kernfunktion reduziert. Und getestet wird, ob diese Funktion beim Kunden ankommt, ob er einen Nutzen daraus zieht.

Das Interview führte Daniela Dannert-Weing

Bild: Jürgen Weing

 

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