Presse · 13. Juli 2023

Anschreiben mit KI: Vier minus für ChatGPT

Sind Anschreiben weniger relevant, weil eine KI wie etwa ChatGPT an der Entstehung des Textes beteiligt war? In einer LinkedIn-Umfrage der Personalwirtschaft zum Umgang mit Künstlicher Intelligenz in Anschreiben war der Tenor eindeutig: Das Anschreiben selbst ist überholt. Ob eine KI beim Texten mitgemischt hat, ist dagegen eher zweitrangig.

Eine LinkedIn-Umfrage der Personalwirtschaft zur Nutzung von Künstlicher Intelligenz in Bewerbungsschreiben ergibt ein gemischtes Stimmungsbild. Die Nutzung von KI-Tools ist dabei nicht das Problem:

Anlass der Umfrage war eine Befragung des HR-Software-Anbieters Softgarden unter rund 4000 Bewerberinnen und Bewerbern, der zufolge rund 12 Prozent der Befragten schon einmal die Hilfe einer KI-Anwendung genutzt haben, um Anschreiben bei einer Bewerbung zu verfassen. Ein weiteres gutes Drittel kann sich dies zumindest vorstellen, hat aber derzeit noch keine entsprechende Erfahrung mit KI-Tools. Etwa die Hälfte der Befragten lehnt solche digitalen Helferlein ab, überwiegend, weil sie dies für Betrug halten oder sie schlicht zu kompliziert finden.

Wie halten es Recruiter mit ChatGPT?

Die Ergebnisse der Softgarden-Umfrage brachten uns, die Redaktion der Personalwirtschaft, zum Nachdenken: Wie gehen eigentlich die Recruiterinnen und Recruiter damit um? Ist das Anschreiben endgültig obsolet? Oder ändert sich eigentlich gar nicht so viel? Auf unsere Frage bei Linkedin antworteten zahlreiche Menschen aus der HR-Community. Einige Stimmen haben wir hier dokumentiert.

Mehrheitstenor: Anschreiben sind überflüssig

„Bewerbungsanschreiben – wer fordert das denn noch?“, fragt etwa Marcus Heinen, Bereichsleiter Personal bei einer Volksbank in Ostwestfalen. „Um das mal etwas provokant zu formulieren: Bauen Sie Hürden auf – und beschweren Sie sich dann über Bewerbermangel?“ Ähnlich sieht das Karriere- und Outplacementberater Jörg Kraft: „Aus meiner langjährigen Erfahrung als Personalleiter und heute als Personalberater muss ich sagen, dass Anschreiben immer mehr an Stellenwert verlieren. Heute sollten Unternehmen darauf verzichten und wirklich professionelle Interviews mit den Bewerbern führen!“

Auch Burckhard Lauf, Geschäftsbereichsleiter Personal bei Gebäudemanagement Schleswig-Holstein, hält Anschreiben für „völlig überflüssig. Ob ich sie mir auf diesem Weg erstelle oder irgendwo vielleicht kopiere und anpasse, ist egal. Ehrliche und tolle Anschreiben gehen dabei unter und dann kann man darauf auch verzichten.“ Für Jochen Mebus, Buchhalter bei DHL, sind Anschreiben offenbar antiquiert: „1960, die Zukunft liegt in Hard- und Softskillformularen mit einem anschließenden Wertetest.“

Wer KI nutzt, zeigt gesuchte Kompetenzen

Wer das Anschreiben trotzdem noch nicht aus seinem Bewerbungsprozess verbannt hat, sollte sich aber tatsächlich damit beschäftigen, wie der Einsatz von ChatGPT und Co. zu bewerten ist.  Manch eine Personalabteilung sieht das Ganze denn auch pragmatisch-positiv: „Wenn jemand so versiert im Umgang mit KI ist, dass ein individuell passendes Anschreiben dabei herauskommt, zeugt das ganz klar von Kompetenzen, die uns optimal ergänzen!“, schreibt etwa Susanne Schlanstedt. Und die Technologieberaterin Hanna Stark meint sogar: „Wir benutzen ChatGPT ja auch als Unterstützung bei unserer Arbeit. Ist ja nur fair, wenn beide Seiten Hilfsmittel benutzen dürfen. Es geht um den passenden Einsatz des Tools und die Fähigkeit, die produzierten Inhalte kritisch zu reflektieren und anzupassen.“

Hans-Jürgen Schäfer vom Verein Netzwerk Arbeit dagegen bescheinigt dem KI-Tool ohnehin eher mäßige Leistungen: „Ich – als Personalvermittler – habe es natürlich auch schon versucht., mehrere Anschreiben mit ChatGPT zu erstellen. Aber etwas wirklich Überzeugendes kam dabei nicht heraus. In Schulnoten 4 minus.“

Jede Bewerbung ist wertvoll. Fast alle Unternehmen und Organisationen in Deutschland leiden unter dem Fach- und Führungskräftemangel. Aufgabe der HR-Bereiche muss es daher sein, jede Bewerbung (besonders auch Initiativbewerbungen) dahingehend zu überprüfen, welche Einsatzmöglichkeiten für die Bewerber im Unternehmen gegeben sind. Dabei geht es nicht ausschließlich darum zu prüfen, ob es derzeit offene Stellen gibt, sondern um das grundsätzliche Potenzial und die Persönlichkeit der Bewerber für Aufgaben in der Firma. Dies gelingt nicht durch das Lesen von Anschreiben, sondern vor allem durch professionelle, wertschätzende und auch motivierende Bewerberinterviews!

Jörg Kraft
Partner, Outplacementberater, Karrierecoach
Liebich & Partner

Verfasst von:

Christina Petrick-Löhr, Autorin von personalwirtschaft.de, Unternehmen der F.A.Z. BUSINESS MEDIA GmbH

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