Fachbeitrag · 24. September 2025

Zwischen Planung und Agilität: Wie deutsche Unternehmen wieder in Führung gehen können

Die deutsche Wirtschaft steckt in einer Phase der Neuorientierung: Laut dem ifo-Institut* wird das Bruttoinlandsprodukt 2025 voraussichtlich nur um 0,6 % wachsen – nach einer Schrumpfung um 0,3 % im Vorjahr. Gleichzeitig kämpfen viele Unternehmen mit einem Mix aus globalen Krisen, Fachkräftemangel, digitalen Rückständen und regulatorischen Hürden. Während international neue Standards gesetzt werden, ringen deutsche Unternehmen noch um ihre Reaktionsfähigkeit. Was sie brauchen: mehr Agilität im Denken und Handeln – ohne ihre Stärken in Planung, Qualität und Prozessen zu verlieren.

Prozessorientierung als Stärke – aber mit Nebenwirkungen

Grundsätzlich ist Prozessorientierung ein Erfolgsfaktor. Gut durchdachte Abläufe, klar definierte Zuständigkeiten und automatisierte Routinen ermöglichen Effizienz und Qualität. Gerade im industriellen Umfeld ist das ein zentraler Wettbewerbsvorteil.

Doch Prozesse allein machen kein erfolgreiches Unternehmen – insbesondere dann nicht, wenn sie in Stein gemeißelt sind. Die Digitalisierung beschleunigt zwar viele Abläufe, kann sie aber auch erstarren lassen, wenn der Mensch dahinter nicht flexibel reagieren darf oder kann.

In der Praxis zeigen sich oft zwei Herausforderungen: Erstens decken Prozesse in der Regel nur rund 80 Prozent der realen Fälle ab. Zweitens fehlt es bei Abweichungen häufig an Handlungsspielraum. Mitarbeitende verstecken sich dann hinter den definierten Abläufen – nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Unsicherheit. Denn wer vom Standard abweicht, riskiert Fehler und Konflikte mit der Führung.

Agilität braucht Mut, nicht Chaos

Agiles Handeln ist kein Widerspruch zur Prozessorientierung – es ist ihre notwendige Ergänzung. Während Prozesse für Stabilität sorgen, hilft Agilität dort weiter, wo die Standardantwort nicht mehr greift. Das funktioniert allerdings nur mit einer passenden Unternehmenskultur: Mitarbeitende müssen ermutigt werden, mitzudenken, Verantwortung zu übernehmen und im Zweifel auch bewusst vom Prozess abzuweichen.

Dazu gehört, dass Führung nicht nur die Einhaltung von Regeln kontrolliert, sondern Spielräume zulässt. Qualifizierungsmaßnahmen sollten daher nicht nur Prozesse vermitteln, sondern auch den Umgang mit Ausnahmen trainieren. Wer nur weiß, wie es im Idealfall läuft, ist überfordert, wenn es anders kommt.

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Transformation beginnt bei den Strukturen

Um wieder an Geschwindigkeit und Innovationskraft zu gewinnen, müssen Unternehmen ihre Strukturen überdenken. Es gilt, Prozesse zu entrümpeln und auf das Wesentliche zu konzentrieren. Nicht jeder Arbeitsschritt muss digitalisiert oder dokumentiert sein – entscheidend ist, wo Automatisierung echten Nutzen bringt und wo Freiräume für menschliche Kreativität erforderlich sind.

Dabei sollte Verantwortung möglichst weit nach unten verlagert werden. Agiles Handeln ist keine Frage der Hierarchie, sondern des Vertrauens. Führung muss nicht nur entscheiden, sondern auch befähigen – damit Mitarbeitende lernen, in Ausnahmesituationen eigenverantwortlich zu handeln.

Weniger Sicherung, mehr Fortschritt

Der Blick nach vorn erfordert nicht nur technische Innovation, sondern auch einen kulturellen Wandel. Deutsche Unternehmen müssen lernen, ihre exzellenten Prozesse mit der nötigen Flexibilität zu verbinden. Das bedeutet: Weniger Sicherheitsdenken, mehr Mut zur Entscheidung. Wer heute vorneweg gehen will, darf sich nicht mehr auf alte Rezepte verlassen – sondern muss bereit sein, Neues zu wagen.

*ifo Institut: ifo Konjunkturprognose Sommer 2025, veröffentlicht am 21. Juni 2025.

Verfasst von:

Dr. Jan Burghardt
Partner, Managementberater, Trainer & Coach
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Dr. Jan Burghardt versteht es Menschen zu leiten und Organisationen erfolgreich zu gestalten. Als ausgesprochener Generalist mit viel Tiefenwissen prägt er nicht nur durch seine …

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Nina Meyer
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