Digitalisierung und Datenarbeit - Wo stehen deutsche Unternehmen?

Von Frauke Tietz 19. März 2020
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Um diese Frage zu klären, startet mit The Factlights 2020 die größte, deutschsprachige Studie zum Stand von Data & Analytics. Die Studie untersucht, inwieweit neue Formen der Datenarbeit und Analyse im Arbeitsalltag von Unternehmen Einzug gehalten haben. Dabei geht es um eine branchenübergreifende Bestandsaufnahme in mittelständischen Unternehmen und Konzernen. Ob und wo sind Digitalisierung & Co. im Arbeitsalltag von Fachbereichen und Abteilungen angekommen? Welche Prozesse und Geschäftsmodelle wurden umgestaltet? Was ist immer noch Vision, was in der Planung und was bereits gelebte Praxis? Wo liegen Ängste, Sorgen und Nöte? Wie wird diesen begegnet? Was wird vorausgesetzt? Und wie soll es idealerweise weitergehen?

In zahlreichen Kundenprojekten, aber auch im eigenen Unternehmen müssen wir uns diesen Herausforderungen stellen. Als inhaltlicher Unterstützer der Studie The Factlights 2020 beantwortet der erfahrene Berater, Coach und Innovationslotse Dr. Christoph Dill einige der wichtigsten Fragen im Zusammenhang mit der Digitalisierung.

Herr Dill, wo stehen Ihrer Meinung nach, die deutschen Unternehmen in Sachen Digitalisierung heute?

Das ist, denke ich, sehr unterschiedlich. An einem Ende gibt es Unternehmen, die noch auf dem Niveau sind, dass Daten dokumentenbasiert verarbeitet werden. Sozusagen auf dem Level einer elektronischen Schreibmaschine. Die Mehrzahl ist sicher weiter, hat aber oftmals keine vollständig durchgängigen Prozesse und keine einheitlichen Systeme. Auf einem wirklich hohen Niveau, was die Datenarbeit angeht, also die tatsächliche Auswertung von Daten, das Ziehen von Schlüssen und das tiefe Verständnis der Daten, sind jedoch nur sehr wenige.

Liebich & Partner unterstützt die Erhebung von The Factlights. Was war Ihre Motivation hierfür?

Egal um was für eine Art von Unternehmen es sich handelt, ich glaube die Zukunft liegt immer darin, dass wir einen vernünftigen Umgang mit Daten schaffen, um effizienter zu werden und um zielgerichteter beziehungsweise bedürfnisorientierter arbeiten zu können. Das unterstützt Unternehmen vor allem dabei, die Bedürfnisse ihrer Kunden besser kennenzulernen. Hierfür müssen wir jedoch mit Daten gut arbeiten können. Dennoch ist dieses Thema in Unternehmen als konstante Aufgabe und Herausforderung für den Arbeitsalltag noch nicht präsent genug. Aus diesem Grund glaube ich, dass wir viel Aufmerksamkeit erzeugen müssen, damit sich Unternehmen mehr damit auseinandersetzen und ihre eigenen Anwendungen finden. Die Digitalisierung wird in allen Bereichen, in allen Industrien und in allen Unternehmensformen eine entscheidende Rolle spielen. Wer jetzt den Zug verpasst, wird zukünftig ein Problem bekommen.

 

Studie The Factlights Digitalisierung und Datenarbeit - wo stehen wir?

 

Mit welchen Herausforderungen haben Unternehmen zu kämpfen und welches sind die maßgeblichen Stellschrauben, damit die Digitalisierung gelingt?

Akzeptanz und Verständnis sind meiner Meinung nach, die größten Herausforderungen, weil es eine andere Art von Arbeiten braucht, auf die man sich erst einmal einstellen muss. Das ist die persönliche und menschliche Herausforderung. Die Inhaltliche Herausforderung liegt darin, zu begreifen, wo und wie man die Digitalisierung effektiv einsetzen kann. Gerade wenn wir beispielsweise an Datenanalyse denken, haben viele Unternehmen noch keine Idee, was sie in diesem Punkt alles tun könnten –Stichwort Data Scientists als zukünftiges Berufsbild. Zu wenige haben ein Gefühl dafür, wie die Datenanalyse in ihrer Branche und für ihre Aufgabe aussehen könnte. Gerade im globalen Kontext ist es wichtig zu definieren, welche konkreten Daten benötigt werden, wie diese verarbeitet werden sollen, was damit alles getan werden kann etc. Das ist die inhaltliche Herausforderung neben der menschlichen Ebene, in der es darum geht, die Menschen mitzunehmen.

Werkzeuge sind keine Herausforderungen?

Werkzeuge sind vorhanden und alles ist grundsätzlich lernbar. Nehmen wir beispielsweise eine neue Onlinemarketing-Software. Nutzer verstehen das System jeden Tag ein bisschen besser und lernen die Software besser zu bedienen. Das ist also nicht das Problem. Die Schwierigkeit ist zu definieren was man damit erreichen will und die neue Arbeitsweise einzuführen. Es gibt immer ein paar Menschen im Unternehmen, die nicht mitziehen wollen oder können und am Alten festhalten. Das ist ein echtes Problem: die Akzeptanz für eine andere Arbeitsweise zu erzeugen, weil die Menschen sich hierfür umgewöhnen müssen.

Haben Sie einen Tipp für Unternehmerinnen und Unternehmer, wie sie diese Akzeptanz schaffen?

Ja, sie müssen Erlebnisse schaffen und zwar Erlebnisse, in denen es funktioniert. So habe erst ich letztens erlebt, wie ein wichtiges Präsenz-Meeting aufgrund verschiedener Umstände, anstatt vor Ort als Webcall ausgetragen wurde. Nun ist das eine nur kleine Form von Digitalisierung, dennoch waren anfangs einige der Meinung, dass so etwas nicht funktionieren kann. Trotzdem haben wir in kürzester Zeit einen Informationsgleichstand geschaffen. Das war wirklich gut! Technisch wäre hier noch sehr viel mehr machbar gewesen. Allerdings war das Team dafür einfach noch nicht bereit. An dieser Stelle gibt es jedoch einige, die anfangen, sich dafür zu interessieren und wissen wollen, was man mit diesem Tool noch alles machen kann.

Aus diesem Grund ist es wichtig immer wieder Erlebnisse zu schaffen. Hätte man die Runde dazu gezwungen sich mit den Fähigkeiten des Programms auseinanderzusetzen, wäre es vermutlich gescheitert, weil die Menschen innerlich noch nicht dafür bereit waren.

Nach diesem positiven Erlebnis kann man jedoch das nächste Mal wieder etwas weiter gehen und die nächsten Fähigkeiten der Software demonstrieren. So erzeugt man kleine Lernschritte, bei denen das Ergebnis schlussendlich heißt: „Es geht ja doch!“. Hierfür braucht es jedoch mindestens eine Person, die bereits vorgelaufen ist und mit der digitalen Neuerung bereits sicher umgehen kann.

Die Studie untersucht branchenunabhängig, in mittelständischen und großen Unternehmen also branchenübergreifend und vergleichend. Gibt es Unterschiede zwischen mittelständischen Unternehmen und Konzernen was das Thema der Digitalisierung angeht?

Ganz klar: ja! Die Konzernwelt ist bereits viel digitaler und sie sind in ihren Prozessen weitaus effizienter. So ist beispielsweise die Rechnungs-Eingangsprüfung oder die Reisekostenabrechnung in Konzernen standardmäßig ein einfacher digitaler Prozess. Kein Mensch bekommt mehr eine Rechnung in die Hand.

Bei kleineren Mittelständlern läuft das alles noch manuell, ohne geführten Prozess. Viele solcher Prozesse, die eigentlich ganz einfach zu digitalisieren wären, laufen dort noch analog, weil man den Effekt nicht sieht oder glaubt – und Angst davor hat – die Kontrolle zu verlieren. Das ist ein bisschen so, wie wenn man zum ersten Mal mit dem Autopiloten fährt. Das ist fast ein bisschen unheimlich.

Auch die Rollen- und Berufsbilder ändern sich radikal, wenn alles digital läuft. Das macht Angst – alte Erfolgsrezepte gehen nicht mehr, weil das System eine andere Logik hat. Es geht alles zu schnell, man kommt nicht mehr mit etc. Hierfür braucht es die innere Bereitschaft anders zu denken und täglich zu lernen. In der Regel sind Konzerne hier schon deutlich weiter, weil sie viel strukturierter Arbeiten – übrigens auch weil sie das müssen, sonst wären die großen Unternehmen schon längst untergegangen.

 

Studie The Factlights Digitalisierung und Datenarbeit - wo stehen wir?

 

Eines Ihrer Beratungsthemen ist Innovation, wie hängen Innovation und Digitalisierung zusammen? Ist das Eine ohne das Andere überhaupt möglich?

Es gibt natürlich auch Innovationen, die nicht digital sind. Wenn man Innovation einmal wörtlich nimmt, heißt das „Erneuerung“. Es geht also darum Dinge zu erneuern, zu verbessern. Digitalisierung ist ein Werkzeug, um das zu tun.

Heute kann man allerdings praktisch keine Prozessinnovation, also eine Verbesserung von Abläufen, ohne Digitalisierung vornehmen. Die Digitalisierung ist ein wesentliches Werkzeug dafür, sonst wäre das so, als würde man den Hof mit der Zahnbürste fegen – es macht nur wenig Sinn.

Es gibt immer zwei Dimensionen von Erneuerung. Die eine ist die prozessuale Sicht, wie wir intern arbeiten oder mit dem Kunden zusammen. Die andere Dimension ist das, was wir verkaufen, das Produkt oder die Dienstleistung. Auf beiden Ebenen lassen sich ganz viele Digitalisierungspotenziale finden. Ein Beispiel hierfür: Sharing-Modelle ohne Digitalisierung wäre nicht denkbar, weil der Abrechnungsaufwand von Hand viel zu groß wäre. Es gibt gewisse Geschäftsmodelle, die ohne Digitalisierung gar nicht denkbar wären.

Abgesehen von den tollen Preisen, die man gewinnen kann, warum ist es für jeden Arbeitenden sinnvoll sich die Zeit zu nehmen, um die Fragen dieser Studie zu beantworten?

Weil die Fragen zum einen dazu anregen zu reflektieren „wo stehe ich wirklich?“, um ein ehrliches Selbstbild zu erhalten. Zum anderen sind natürlich auch die Ergebnisse sehr spannend und lassen einen Vergleich von sich selbst gegenüber anderen zu.

Wir sind hier in einem Prozess der exponentiell wächst und solche Prozesse sind für uns Menschen oft schwer zu begreifen. Die Digitalisierung ist quasi wie das Corona-Virus: Erst sind es nur wenige Fälle weit weg, also besteht nur wenig Interesse daran. Aber auf einmal ist das Virus überall und es betrifft auch mich, wenn ich erst dann einsteige und mich kümmere, ist es vielleicht schon zu spät. Darum ist es wichtig ein Bild zu bekommen wo man selbst steht, wo die anderen sind und was man alles tun könnte.

Das Interview wurde geführt von Frauke Tietz

 

Studie The Factlights Digitalisierung und Datenarbeit - wo stehen wir?

 

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